Sporttalk

Thema: Spitzensport Wildwasserkanu

Gäste:

Sabine Füsser, zweifache Weltmeisterin und fünffache Europameisterin

Gregor Simon, Bundestrainer des deutschen Kanuverbandes

Prof. Dr. med. Tobolski, Gründer und Geschäftsführer von SPORTHOMEDIC

Marco Sieger, Leitender Arzt konservative Orthopädie bei SPORTHOMEDIC

Frau Füsser, seit wann fahren Sie in der Weltspitze der Wildwassekanuten?

Meine erste Medaille habe ich 1998 in Garmisch gewonnen, direkt bei einer WM, damals bin ich mit der Mannschaft Vizeweltmeister geworden. Seit 1998 bin ich auch Mitglied in der Nationalmannschaft.

 

Wie ging es dann weiter?

2009 war mein Jahr, da habe ich alles gewonnen was es zu gewinnen gibt! Auf der Europameisterschaft beide Einzeltitel und auch den Mannschaftstitel, es wurde auch als „Füssers Festspiele“ betitelt. Auch die deutsche Meisterschaft sowie alle nationalen Rennen konnte ich damals für mich entscheiden.

 

Was war das Geheimnis für diese überragenden Leistungen?

Ein exzellenter Trainingsplan, den ich verstanden habe, auf den Punkt umzusetzen (ein dankbarer Blick zum Bundestrainer). Der Trainingsplan ist ja das Rahmenprogramm für einen selbst, und in dem Jahr hat einfach alles gepasst. Ich war 2008 zum Training in Garmisch, da habe ich schon dem Bundestrainer gesagt: „das ist mein Bach, das ist meine Strecke, vom Wildwasser her, und Technischen her.“

 

Und 2009 wurde es dann ernst

Genauso war es, ich bin nach Garmisch gefahren und habe mir gesagt: „Du hast nichts zu verlieren. Es ist deine Strecke, es ist dein Bach. Und du bist fit“. Mit diesen drei Sätzen bin ich an den Start gegangen.

 

Wie haben Sie Ihr Rennen dann erlebt?

Nach der Hälfte der Strecke hatte ich die Bestzeit, und wusste, ich bin dabei. Dann habe ich auf aufgedreht und bin im unteren Streckenabschnitt immer schneller geworden.

 

Hatten Sie in der Situation noch Kontakt nach außen?

Ja, (lacht) den hatte ich, zu meinem nervösen Trainer, der am Rand mit seinem Fahrrad mein Begleitschutz war und rief „Du kannst das schaffen!“ und er sollte Recht behalten – so war das dann auch!

 

Waren Sie eigentlich Favoritin für diese WM?

Nicht die Topfavoritin; ich war eine von denen, die um die Medaillen mitfahren konnten. Dass ich mit hohem Vorsprung gewinne, damit hat wohl niemand wirklich gerechnet.

 

Herr Simon, was war denn die Zielsetzung des Trainers?

In die Medaillenränge zu fahren, denn 2009 war Sabine sehr fit! Das habe ich schon an den sehr guten Zeiten erkannt, die Sabine schon im Training gefahren ist.

 

Wie nah sind Sie bei den Trainingsfahrten dabei?

Ich fahre selber immer noch mit, und kann dadurch sehr gut erkennen, an welchen Stellen die Kanuten gut oder auch weniger gut zurechtkommen. Sabine ist technisch sehr versiert und hat ein super Bootsgefühl. Sie hat eine sehr gute Selbsteinschätzung, ist sehr kritisch, und sie weiß genau, wo sie sich verbessern kann. Das spricht sie dann aktiv an und stimmt sich mit mir ab. Dadurch erreicht sie eine sehr hohe Effektivität und bekommt ihre Paddelschläge perfekt auf das Wasser. Anderen Athleten fehlen diese Eigenschaften, somit können sie ihr Verbesserungspotential im Gegensatz zu Sabine nicht nutzen. Ihnen fehlt diese sportliche Intelligenz.

 

Frau Füsser, wann haben Sie das erste Mal in Ihrem Leben in einem Kanu gesessen?

Im Alter von drei Jahren. (lacht!)

 

Das erklärt ja einiges! Da haben Sie ja einen großen Teil Ihres bisherigen Lebens im Kanu verbracht?

Ja, das stimmt! Nicht die kompletten 37 Jahre, jedoch einen großen Zeitraum davon.

Herr Simon, um so erfolgreich zu sein wie Sabine Füsser, gehört neben Disziplin und Trainingsfleiß sicherlich auch Talent dazu. Doch was ist es noch, das so eine Athletin von den anderen Profis unterscheidet?

Ein immenser Wille und die Eigenschaft, im Wettkampf seine Leistung zu 100% abrufen zu können. Das können nicht immer alle. Wenn Sabine im Training hinterher fährt, dann heißt das gar nichts. Es gibt ja auch die Trainingsweltmeister, die dann im Wettkampf diese Leistung leider oft nicht wiederholen können.

Gibt es noch mehr Unterschiede?

Ja, einen ganz wichtigen: Sabine kann auch unheimlich beißen und bis an ihre Grenzen gehen. So viele gibt es da nicht, die das können. Ein bisschen verrückt muss man auch sein (lacht).

 

Frau Füsser, welchen Ihrer vielen Erfolge würden Sie denn als Ihren schönsten bezeichnen?

Das waren meine ersten Einzeltitel bei der WM 2009. Gleich beim ersten WM Wettkampfsieg ganz oben zu stehen, das war ein unvergessliches Gefühl. Und dann einen Tag später das iTüpfelchen mit der zweiten Einzelmedaille. Ein Erfolg, den so noch nicht viele geschafft haben, außer mir nur noch die Tschechin Katerina Vacikova. Es hat mich schon sehr stolz gemacht, zwei Einzeltitel bei einem Event mit nachhause zu nehmen.

 

Herr Simon, wie hoch ist der jährliche Trainingsaufwand von Frau Füsser?

Das ist immer auch saisonbedingt. Aktuell startet Sabine schon im September mit dem umfangreichen Training für das kommende Jahr. Das bedeutet, sie ist jeden Tag zwei Stunden auf dem Wasser. Hinzu kommen tägliches Handeltraining und kombinierte Trainingseinheiten wie Basketball und Durchlaufzirkel.

 

Frau Füsser, welche Rolle spielt die sportmedizinische Betreuung in Ihrem Traingsprogramm?

Natürlich eine wichtige Rolle, wobei es sehr schade ist, dass wir bisher keine konstante Anlaufstelle diesbezüglich hatten.

 

Prof. Dr. Tobolski

Das werden wir (SPORTHOMEDIC) ab heute ändern! (Beifall)

Wir werden ab sofort den Deutschen Kanuverband als sportmedizinischer Kooperationspartner unterstützen. Wir freuen uns sehr darauf, die Kanu-Athleten mit unserem sportmedizinischen Know How aktiv und zeitnah begleiten zu dürfen. (Beifall)

 

Marco Sieger

Bisher war da wirklich keine Betreuung, die der Sportlerin gerecht geworden wäre. Umso erstaunlicher ist es, wie erfolgreich Sabine Füsser bisher war. Ich führe das vor allen Dingen auf ihr sehr gutes Körpergefühl zurück.

 

Sabine Füsser

Anfang 2015 bekam ich ein Problem mit meiner Hüfte (schiefe Hüfte). Ich glaube, in der Zeit bin ich dem Bundestrainer ziemlich auf die Nerven gegangen. Es stimmte nichts mehr, ich habe in meinem Boot – in dem ich vorher wirklich gut gesessen habe – schief gesessen und es im Wildwasser nicht mehr unter Kontrolle gehabt. Da habe ich gedacht: „Du hast das Paddeln verlernt!“

 

Frau Füsser, wie sind Sie aus dieser Situation wieder herausgekommen?

Da zeigte es sich mal wieder, wie wertvoll es ist, einen Toptrainer an seiner Seite zu haben. Gregor Simon hat mich damals zu SPORTHOMEDIC geschickt, wo die sportorthopädische Behandlung durch Marco Sieger es mir ermöglicht hat, dann doch noch an den Welt- und Europameisterschaften 2015 teilnehmen zu können. Entscheidend war, dass ich mein Bootsgefühl wieder hatte.

 

Herr Prof. Dr. Tobolski, wie entsteht so eine Beeinträchtigung der Hüfte?

Durch eine klassische Entzündung im unteren Lendenwirbelbereich. Der Spinalnerv war eingeklemmt, und deswegen konnte Frau Füsser nicht zu beiden Seiten uneingeschränkt rotieren. Sie hat sofort gemerkt, dass durch die fehlende Rotation kein Druck auf das Paddel kam.

 

Frau Füsser

Genauso war das, mein Boot ist ständig nach rechts gefahren.

 

Marco Sieger

Es kommen ja sehr viele Spitzensportler zu uns, die alle umfangreiche Funktionstests durchlaufen. Interessanterweise hat Frau Füsser alle diese Tests mit Bravour bestanden. Die Testzonen sind extra darauf ausgerichtet, Strukturen zu isolieren und somit ein genaues Ergebnis zu erhalten. Doch nach diesen Tests war die Verletzung zuerst nicht nachvollziehbar. Durch genaues Nachfragen, bei welcher Bewegung genau Beeinträchtigungen aufgetreten sind, was Frau Füsser aufgrund ihres ernorm guten Körpergefühle sehr differenziert sagen konnte, haben wir dann die richtige Diagnose stellen und die Verletzung erfolgreich behandeln können.

 

Gregor Simon

In so einer Situation bringt es eben nichts, wenn man 500 km im Monat paddelt, dann ist immer eine zeitnahe sportmedizinische Behandlung der richtige Weg.

 

Frau Füsser, eine abschließende Frage: was ist Ihr nächstes sportliches Ziel?

In 2015 sind es noch einige kleinere Rennen, z. B. im Oktober ein Ranglistenrennen, was eigentlich schon zur Vorbereitung auf die internationalen Wettkämpfe in 2016 gehört. Eine klare Zielsetzung für 2016 ist es, noch einmal eine konstant gute Saison zu fahren, ohne Krankheiten und Pech, um dann die Sprint WM Goldmedaille in Banja Luka zu gewinnen!

 

Gregor Simon

Eine Herausforderung die zu packen ist. Der Sprint geht über 50-60 Sekunden und ist sicherlich sehr anspruchsvoll. Das Klassik Rennen geht im Vergleich über 14 Minuten.  Wir werden uns gewissenhaft auf die Wettkämpfe vorbereiten und haben mit SPORTHOMEDIC jetzt auch einen professionellen Partner an unserer Seite, der die signifikant wichtige sportmedizinische Betreuung abdeckt. Das gibt uns viel Ruhe.